Einleitung

Der Body-Mass-Index (BMI) wird seit Jahrzehnten als einfacher Indikator für Übergewicht und Adipositas verwendet. In der Praxis bedeutet ein zu hoher Wert häufig eine allgemeine Empfehlung zur Gewichtsreduktion – ungeachtet des Geschlechts. Eine aktuelle türkische Untersuchung wirft jedoch ein neues Licht auf diese Vorgehensweise und zeigt, dass Männer und Frauen mit identischem BMI völlig unterschiedliche gesundheitliche Belastungen aufweisen können.

Unterschiedliche Fettverteilung bei Männern und Frauen

Viszerales Fett und Leberbelastung

Die Studie der Dokuz Eylul Universität in Izmir analysierte Daten von 886 Frauen und 248 Männern, die alle in einer spezialisierten Adipositas‑Klinik behandelt wurden. Bei den Männern fiel sofort auf, dass das Bauchvolumen im Schnitt fast 13 cm größer war als bei den Frauen. Dieses intraabdominelle, sogenannte viszerale Fett lag nicht nur unter der Haut, sondern umgab die inneren Organe. Solches Fett ist eng mit einer erhöhten Belastung der Leber verbunden, was sich in signifikant höheren Serumwerten der Enzyme ALT und GGT widerspiegelte.

Blutdruck und Lipide

Zusätzlich wiesen die männlichen Probanden erhöhte Triglyceridspiegel sowie einen höheren systolischen Blutdruck auf. Beide Faktoren gelten als zentrale Risikoelemente für kardiovaskuläre Ereignisse, wodurch das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall bei Männern mit gleichem BMI potenziell größer ist.

Entzündungsprofile und Cholesterin bei Frauen

Im Kontrast dazu zeigten die weiblichen Teilnehmenden ein anderes Muster: Ihr Gesamt‑ und LDL‑Cholesterinwert war deutlich erhöht, während die Entzündungsmarker – insbesondere C‑reaktives Protein (CRP) und die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) – deutlich über dem Männerdurchschnitt lagen. Chronische Entzündungen spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Typ‑2‑Diabetes, Herz‑ und Gefäßerkrankungen sowie weiteren Stoffwechselstörungen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei Frauen das entzündungsbezogene Risiko stärker ausgeprägt sein könnte.

Implikationen für die klinische Praxis

Die zentrale Botschaft lautet, dass ein reiner Fokus auf den BMI viele geschlechtsspezifische Nuancen vernachlässigt. Ärzte sollten dem Konzept einer „geschlechtsbewussten Risikobewertung" folgen und neben dem BMI gezielt Parameter wie Bauchumfang, Leberwerte, Lipidprofil und Entzündungsmarker in ihre Diagnostik einbeziehen. Erst durch ein individualisiertes Vorgehen können verborgene Gefahren identifiziert und gezielt behandelt werden.

Grenzen der Studie

Es ist wichtig zu betonen, dass es sich um eine Querschnittsanalyse handelt. Die Forschung erfasste die Messwerte zu einem einzigen Zeitpunkt, sodass kausale Zusammenhänge nicht eindeutig bewiesen werden können. Langzeitstudien und prospektive Nachverfolgungen wären erforderlich, um zu prüfen, ob die beobachteten Unterschiede tatsächlich zu unterschiedlichen Krankheitsverläufen führen.

Source: https://scientias.nl/mannen-en-vrouwen-met-hetzelfde-bmi-hebben-mogelijk-totaal-andere-gezondheidsrisicos/

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