Die Schattenwirtschaft hinter Lieferando und Wolt
In den letzten Jahren haben Essensliefer‑Apps wie Lieferando und Wolt einen regelrechten Wettstreit um den Titel "schlechtester Arbeitgeber" ausgelöst. Der Grund: Statt die Fahrer*innen selbst zu beschäftigen, schalten die Unternehmen große Teile der Beschäftigung an Subunternehmen aus. Diese Praxis führt häufig dazu, dass Zusteller*innen kaum einen Arbeitsvertrag erhalten, horrende Gebühren für die Zugehörigkeit zu einem Subunternehmen zahlen müssen und im schlimmsten Fall gar keinen Lohn bekommen.
Typische Rechtsverstöße im Subunternehmer‑Modell
Betroffene berichten von ausbleibenden Gehaltszahlungen, fristlosen Kündigungen ohne Abfindung und dem völligen Verzicht auf gesetzlich garantierte Leistungen wie Elternzeit oder Krankengeld. Oftmals stehen die Fahrer*innen erst im Gerichtssaal vor der Frage, bei welchem Unternehmen sie tatsächlich angestellt sind – weil die Plattformen bewusst verschleiern, wer der eigentliche Arbeitgeber ist.
EU‑Richtlinie 2024: Ein Hoffnungsschimmer?
Im April 2024 hat die Europäische Union eine Richtlinie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie verabschiedet. Der dritte Artikel verpflichtet die Mitgliedstaaten, gezielte Schutzmaßnahmen für bei Subunternehmern beschäftigte Fahrer*innen zu erlassen. Deutschland hat bis zum 02. Dezember 2026 Zeit, diese Vorgaben in nationales Recht zu überführen.
Praxisnahes Experteninterview
Der Arbeitsrechtsexperte Martin Bechert, der sowohl den Betriebsrat von Lieferando in Berlin als auch betroffene Kurierfahrer*innen vertritt, schildert die aktuelle Lage. Nach seiner Erfahrung drehte sich jeder Rechtsstreit um Kündigungen oder ausstehende Lohnzahlungen. Bei Subunternehmern seien die Erfolgsaussichten gering, da diese häufig nur als Briefkastenfirmen agieren und kaum greifbare Haftungsstrukturen besitzen.
Warum die Auslagerung funktioniert
Die Plattformen begründen die Nutzung von Subunternehmen mit dem Argument der Flexibilität. Bechert zeigt jedoch auf, dass derselbe Effekt auch durch modulare Arbeitskräftepools oder Bereitschaftsdienste erreicht werden könnte – ohne die arbeitsrechtlichen Pflichten zu umgehen. Stattdessen wird ein System geschaffen, das an sklavenartige Bedingungen erinnert und oftmals in die Sphäre organisierter Kriminalität abdriften kann.
Fehlende Durchsetzung durch Aufsichtsbehörden
Ein zentrales Problem liegt in der mangelhaften Kontrolle seitens der Behörden. Ohne konsequente Durchsetzung von Vorgaben bilden Subunternehmer kriminelle Netzwerke, die weder Sozialabgaben noch Mindestlohn zahlen. Für viele Entscheidungsträger scheinen Kurier*innen lediglich Menschen zweiter Klasse zu sein, was die systematische Missachtung ihrer Rechte weiter begünstigt.
Ausblick: Wie könnte das neue Gesetz wirken?
Ob die bis Ende 2026 zu erwartende nationale Gesetzgebung tatsächlich wirksam wird, hängt stark von der Bereitschaft der Gerichte ab, algorithmisches Management kritisch zu prüfen und Subunternehmer zur Rechenschaft zu ziehen. Experten fordern klare Regelungen, die die Verantwortlichkeit der Plattformen trotz ausgelagerter Strukturen fest verankern.