Hintergrund des Digital Services Act
Mit dem Digital Services Act (DSA) hat die Europäische Union ein Gesetzespaket geschaffen, das sehr große Online‑Plattformen zu mehr Transparenz und zu einem aktiven Risikomanagement verpflichtet. Neben Fragen des Desinformations‑ und Wettbewerbsrechts rücken dabei zunehmend Themen wie die Suchtgefahr durch das Design von Apps in den Fokus. TikTok, die populäre Kurz‑Video‑Plattform aus China, steht seit zwei Jahren im Visier der Kommission, weil ihr UI‑Design laut Studien stark süchtig machende Muster enthält.
Erste Ergebnisse der Untersuchung
Die EU‑Kommission hat jüngst das vorläufige Ergebnis ihrer Prüfung veröffentlicht: TikTok gehe nicht ausreichend auf die erkannten Gefahren ein. Besonders kritisiert wird das fehlende wirksame Gegensteuern gegen die Risiken für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Mehrere europäische Studien belegen, dass Minderjährige die App im Schnitt 20‑mal am Tag öffnen, teilweise bis in die Nacht hinein und häufig mehrere Stunden kontinuierlich konsumieren.
Verantwortung von Eltern und Plattformen
Obwohl Eltern und Erziehungsberechtigte eine zentrale Aufsichtspflicht tragen, betont die Kommission ausdrücklich, dass auch die Plattform selbst eine Sorgfaltspflicht besitzt. TikTok habe bereits Tools zur Selbst‑Kontrolle eingeführt, doch diese seien aus Sicht der Aufsichtsbehörde kaum wirksam: Pausen lassen sich mit einem simplen Code („1234“) umschalten, und das Eltern‑Dashboard zeige gravierende Schwächen.
Forderungen der EU
Die Kommission verlangt drei grundlegende Änderungen:
- Einfachere Deaktivierung von Push‑Benachrichtigungen und ein redesign des unendlichen Scroll‑Mechanismus, sodass Nutzer*innen nicht permanent zum Weiter‑Swipen verleitet werden.
- Ein Empfehlungssystem, das explizite Wünsche der Nutzer*innen berücksichtigt, statt allein auf implizitem Engagement zu basieren.
- Strengere Schutzmaßnahmen: verbindliche Begrenzungen der täglichen Bildschirmzeit, verpflichtende Pausen nach einer festgelegten Nutzungsdauer und eine nächtliche Sperre, die die App zu definierten Uhrzeiten unzugänglich macht – und zwar für alle Nutzer*innen, nicht nur für Minderjährige.
Reaktionsmöglichkeiten von TikTok
TikTok wird nun die Chance eingeräumt, innerhalb einer offenen Frist Stellung zu nehmen und die geforderten Anpassungen zu implementieren. Eine konkrete Frist wurde nicht genannt. Sollte die Kommission die Änderungen als unzureichend bewerten, könnte ein formaler Verstoß festgestellt und eine Geldstrafe verhängt werden – ein Vorgehen, das bereits im Dezember gegen das Unternehmen X angewandt wurde.
Weiteres regulatorisches Umfeld
Parallel zu den Vorgängen gegen TikTok laufen Verfahren gegen Facebook und Instagram, die ebenfalls wegen potenziell süchtig machender Design‑Elemente geprüft werden. Zusätzlich wird TikTok wegen Desinformation und möglicher Wahlbeeinflussung untersucht, ein Verfahren, das nach den rumänischen Parlamentswahlen eingeleitet wurde.
Die Debatte über das „süchtigmachende Design“ wirft grundlegende Fragen nach der Balance zwischen Innovation, Nutzerfreiheit und gesellschaftlicher Verantwortung auf. Während die EU versucht, durch den DSA klare Leitplanken zu setzen, bleibt abzuwarten, wie effektiv die vorgeschlagenen Maßnahmen in der Praxis wirken und ob andere Plattformen folgen werden.
Source: https://netzpolitik.org/2026/digital-services-act-eu-kommission-will-tiktok-nutzung-begrenzen/